Fallstudie: Martyn - Projekt- und Ausbildungsleiter
Martyns Tätigkeit für Übersetzungsunternehmen ist eher dem Zufall als einem Plan zu verdanken. Wie viele kürzlich graduierte Fremdsprachenabsolventen der Edinburgh University musste auch er Rückschläge von internationalen Firmen hinnehmen, von denen er fälschlicherweise angenommen hatte, sie würden ihn geradezu anflehen, für sie zu arbeiten. Er entschied sich also für die nächstbeste Lösung und beschloss, wieder in jenem Land zu leben und zu arbeiten, dessen Sprache er zu beherrschen behauptete.
Wie die meisten Fremdsprachenabschlüsse umfasste auch seiner während des vorletzten Jahres einen Pflichtaufenthalt im Ausland. Vor die Wahl gestellt, sich an einer französischen Universität zu immatrikulieren oder Englisch an einem französischen Collège zu unterrichten, hatte er sich für Letzteres entschieden. Die Vorstellung, gegen Bezahlung seine guten, wenn auch nicht perfekten Muttersprachkenntnisse weiterzugeben, behagte ihm weit mehr, als der Gedanke, sich als Student in einem fremden Land mehr schlecht als recht durchzuschlagen. Trotz dieser etwas fragwürdigen Denkweise sollte sich diese Entscheidung als die richtige erweisen: Der regelmäßige tagtägliche Umgang mit der Sprache (wenn auch auf dem Niveau eines 12-Jährigen) und das vollkommene Eintauchen in die Lokalkultur (einschließlich ihrer Bars!) verwandelten Martyn in nur 12 Monaten vom unbeholfenen Stotterer in einen selbstbewussten Gesprächspartner.
Mit dieser Erinnerung noch frisch im Sinn bewarb er sich zum Ende seines vierten Studienjahres um die Stelle eines Lecteurs (universitäre Lehrhilfskraft in Frankreich), die von seiner Alma Mater im Rahmen eines Arbeitsaustausches mit der Universität von Metz angeboten wurde. Diese Entscheidung sollte sein Leben verändern - die zwei Jahre, die er letztendlich in diesem versteckten städtischen Kleinod verbringen sollte, brachten ihm seine wertvollsten Erfahrungen, sowohl in kultureller, linguistischer, professioneller als auch persönlicher Hinsicht.
Da es sich bei der Lehrstelle um einen begrenzten Einjahresvertrag handelte, musste er sich um eine neue Anstellung kümmern, um sich auch weiterhin die Köstlichkeiten der französischen Küche leisten zu können. Genau zu diesem Zeitpunkt entdeckte er Luxemburg, ein Paradies für Englischsprachige auf der Suche nach Zeitarbeit. Innerhalb eines Jahres in diesem sonderbaren kleinen Land hatte er sich als Korrekturleser (in den meisten Nächten bis drei Uhr morgens), als unternehmensinterner Sprachlehrer (in einer Baufirma; einmal unterrichtete er sogar auf einer Baustelle) und als Telefonist bei einer mehrsprachigen Handy-Helpline (ohne selbst ein Handy zu besitzen) versucht.
Persönliche Umstände führten ihn in seine Heimat zurück. Bei seiner Rückkehr nach Schottland dachte er über seine Karriere nach und stellte fest, dass er, ob nun beabsichtigt oder nicht, bei all seinen bisherigen Tätigkeiten mit Sprachen gearbeitet hatte und es ihm vergönnt gewesen war, diese regelmäßig einzusetzen. Er erkannte, dass dies für ihn ein überaus wichtiger Faktor war, ganz egal, welcher Arbeit er nachgehen würde. So landete er wieder bei dem einzigen Unternehmenstyp mit Fremdsprachenbedarf, der ständig neue Mitarbeiter sucht - dem mehrsprachigen Call Centre. Dabei handelte es sich zwar nicht gerade um einen Traumjob, aber er gab ihm die Möglichkeit, täglich Kontakt mit Französisch sprechenden Kunden und Kollegen zu halten, und führte letztendlich dazu, dass er Ausbildungskurse für französischsprachige Neulinge gab.
Mit dieser "kunterbunten" Berufserfahrung hatte er, ohne es selbst zu erkennen, all jene grundlegenden Fähigkeiten erlernt, welche die anfangs von ihm so begehrte Stelle bei einem Übersetzungsunternehmen erfordert hatte. Als schließlich die Projektleiterstelle bei Lingo24 angeboten wurde, musste man ihn nicht zweimal darauf hinweisen (in welcher Sprache auch immer).
18 Monate später räumt Martyn ein, dass er eine steile Lernkurve zu bewältigen hatte. Obwohl seine Ausbildung auch Übersetzungsmodule umfasste, gab es viele elementare Dinge, die Martyn über diese faszinierende Branche nicht wusste - angefangen bei der ihr eigenen und ihm fremden Fachsprache (darunter solche Begriffe wie "Zieltext" und "Sprachexpansion" - das Phänomen, dass Übersetzungen häufig länger als die ihnen zugrunde liegenden Originaltexte sind) bis hin zu der Tatsache, dass Hindi von links nach rechts, Urdu jedoch von rechts nach links gelesen wird!
Diese abwechslungsreiche und erfüllende Arbeit bot und bietet Martyn die Möglichkeit, eng mit internationalen Unternehmen zusammenzuarbeiten und an Orte auf der Welt zu reisen, über die er bislang nur wenig wusste bzw. weiß. Er hat das Gefühl, ein solides Verständnis des Übersetzungsprozesses und der Branche gewonnen zu haben, und hat seine organisatorischen Fähigkeiten, Überzeugungskünste und Managementkenntnisse vertieft.
Martyn möchte denjenigen, die in die Welt des Übersetzens gelangen (und dort bleiben) wollen, folgende vier Ratschläge geben:
- Verbringen Sie schon von Anfang an Zeit in Ländern, in denen die Sprache, mit der Sie arbeiten wollen, gesprochen wird. Aus Büchern oder im Internet werden Sie niemals das notwendige Verständnis der Kultur des jeweiligen Landes gewinnen.
- Bleiben Sie durch Zeitungen, Radio, Fernsehen und Filme in Kontakt mit der jeweiligen lebendigen Sprache.
- Werden Sie ein wirklicher Experte auf Ihrem Fachgebiet, sei es Medizin, Fußball oder die Kunst des Buchbindens. Ihr langfristiges Ziel sollte darin bestehen, in diesem bestimmten Bereich ein reiches Vokabular zu entwickeln.
- Und lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie nicht sofort den idealen Übersetzerjob bekommen. Wie die Franzosen so schön sagen: Enten kann man auf verschiedene Weisen rupfen! Ein Job in einem internationalen Marketingunternehmen, bei dem Sie einmal pro Woche Ihre Fremdsprachenkenntnisse einsetzen können, ist besser als eine Position, in der diese Kenntnisse nicht ein einziges Mal zum Einsatz kommen.
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